Ist es vermessen, die Welt zu vermessen? Gruppenausstellung mit 16 Künstlern
Fred Sandback, Silvia Bischof, Regina Zachhalmel, Patrick Baumüller, Johannes Deutsch, Seamus Farrell, Rudolf Gerngross, Christian Katt, Ingeborg Knaipp, Eric Kressnig, Gerhard Leitner, Adi Morawitz, Isabelle Muehlbacher, Thomas Nemec, Selina Saranova, Jürgen Schiefer, Herbert Starek, Isabel Warner, Mounty R.P. Zentara
Eröffnugsrede zur Ausstellung
von Mag. Jan Mokre - Direktor der Kartensammlung und des Globenmuseums Österreichische Nationalbibliothek
Sehr geehrte Damen und Herren,
Beruflich beschäftige ich mich mit dem Erwerben,
dem Erschließen • also Bearbeiten •, dem Bewahren und
dem zur Verfügung stellen kartographischer Objekte,
das heißt, vor allem von Landkarten, Stadtplänen und Atlanten,
aber auch von Globen, geographischen Reliefs und Panoramen.
Die Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek
verfügt über fast 300 000 derartiger Objekte aus fünf
Jahrhunderten, das Globenmuseum
über mehr als 600 Erd- und Himmelskugeln, sowie
Mond- und Planetengloben.
Nachdem ich eingeladen worden war, diese Ausstellung mit
einigen Worten einzuleiten, überlegte ich, welche Verbindung
zwischen den hier präsentierten künstlerischen Werken und den
in der Österreichischen Nationalbibliothek verwahrten
kartographischen bestehen könnte.
Die prunkvoll, oft mit künstlerischem Anspruch gestalteten
Karten aus der Zeit des Barock fielen mir sofort ein,
und auch die mappae mundi, die bildhaften Weltkarten aus dem
Mittelalter, die ein nicht mathematisches, uns, wenn wir an
Karten denken, sehr fremdes Abbild der Welt wiedergeben.
Dann dachte ich an die Karten imaginärer Länder, Regionen oder
Orte, die sich in den Beständen der Kartensammlung finden
lassen • an kartographische Darstellungen des irdischen
Paradieses zum Beispiel, der Insel „Atlantis",
der Insel „Utopia" oder an die allegorischen Karten vom
„Schlaraffenland", vom „Reich der Liebe" und an den Kupferstich einer in Niederösterreich geplanten „Stadt im Traume™.
Dennoch möchte ich Ihnen heute lieber von den zeitgenössischen
Karten erzählen, von diesen abstrakten Visualisierungen
komplexer raumbezogener Daten.
Karten sind von Menschen geschaffene, graphische
Repräsentationen geographischer Phänomene, die es ermöglichen,räumlich definierte Strukturen darzustellen sowie Zusammenhänge und Wechselwirkungen sichtbar machen.
Sie zeigen oft über die Topographie hinaus, Aspekte unserer
Welt, die in der Realität gar nicht sichtbar sind •
zum Beispiel die Besitzverhältnisse an Grund und Boden oder,
um ein ganz anders geartetes Beispiel heranzuziehen,
geologische Strukturen.
Anspruchsvolle Kartographen bemühen sich,ein nachvollziehbares, aber auch die unterschiedlichen Elemente
harmonisch zusammenfassendes Bild der Welt zu schaffen.
Sie begreifen dabei ihre Arbeit als eine Verbindung zwischen
exakter Wissenschaft und Kunst - wissenschaftlich in Bezug
auf die Datengrundlage und künstlerisch in Bezug auf die
Wiedergabe derselben mittels bestimmter Methoden und
Gestaltungsmittel.
Kartographen wählen nicht nur die wiederzugebenden
Informationen aus, sondern sie bestimmen auch das Kartenformat, die Lage des dargestellten Gebietes in diesem und die zur Anwendung kommenden Formen und Symbole; sie entscheiden über die Stärke der Linien und die Farben der Flächen.
Kartographen verfügen also über Gestaltungsfreiheit und über
Gestaltungsmacht und diese einsetzend, schaffen sie mit ihren Karten keine exakten Abbilder der Welt sondern eigene Welten.
Aber - dürfen sie das überhaupt?
Es ist nicht möglich, die Realität vollständig, übersichtlich und maßstabsgetreu auf ein Blatt Papier zu bannen und zudem noch mit erläuternden Symbolen und lesbaren Beschriftungen zu versehen. Daher wird bei jedem kartographischen Herstellungsprozess generalisiert.
Generalisieren bedeutet, Entscheidungen darüber zu treffen,
welche Informationen lagegenau auf der Karte aufscheinen
und welche in ihrer Lage etwas verschoben dargestellt werden,
in den Hintergrund treten bzw. überhaupt vernachlässigt werden. Generalisieren bedeutet weiterhin zu entscheiden,
in welcher Form und in welcher Größe Informationen
auf der Karte wiedergegeben werden.
Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten und handwerkliche
Methoden - Bewerten, Typisieren, Klassifizieren,
Kategorisieren, Zusammenfassen, Vergrößern, Verdrängen,
Vereinfachen - über die ich hier nicht im Detail berichten
möchte.
Nur ein Beispiel: Wenn sich in einem schmalen, von hohen Bergen eingeschlossenen Tal ein Fluss mit einer Schifffahrtslinie und eine Anlegestelle, eine mehrgleisige Eisenbahnverbindung, ein Bahnhof, eine mehrspurige Straße und darüber hinaus Wohngebäude und ein Gewerbegebiet befinden,
muss der Kartograph, um alle diese Elemente auf einer
kleinmaßstäbigen Karte sichtbar machen zu können,
die Entscheidung treffen, das Tal in der kartographischen
Darstellung zu verbreitern.
Ist es aber sein Hauptanliegen, auf seiner Karte topographische Genauigkeit zu erzielen, wird er die verschiedenen thematischen Elemente zusammenfassen oder graphisch vereinfachen müssen.
Genau so verhält es sich mit den auf Karten verwendeten
Symbolen. Diese sind fast immer überproportional größer als die Merkmale, die sie repräsentieren, als diese maßstabsgetreu
darzustellen wären.
Generalisieren hat demnach zur Folge, dass - damit entscheidende Informationen nicht in einem Gewirr von
Details untergehen - die Karte notwendigerweise ein
ausgewähltes, unvollständiges Bild der Realität wiedergibt.
Eine Karte, die keine Generalisierungen enthält, ist
weitestgehend nutzlos - dennoch, jede Karte lügt, indem sie
Dinge verschweigt.
Die Generalisierung stellt, sozusagen, eine Notlüge dar.
Aber die Kartographen „lügen« auch aus anderen Beweggründen.
Karten enthalten Geoinformationen von hohem wirtschaftlichem
und militär-stragegischem Wert und veröffentlichte Karten
verbreiten dieses Wissen. Dementsprechend lassen sich immer
wieder staatlich administrative Bemühungen nachweisen,
die Verbreitung ökonomisch bzw. militärisch relevanten Wissens
zu verhindern.
Am offenkundigsten geht dies durch strenge Geheimhaltung.
Aufzeichnungen über die in der frühen Neuzeit entdeckten
Seewege nach Amerika bzw. Indien blieben zum Beispiel fast
zwei Jahrhunderte lang strengster Geheimhaltung unterworfen,
in Portugal stand damals auf die Weitergabe der wie Schätze gehüteten Karten sogar die Todesstrafe.
Da es jedoch auf Dauer kaum möglich und auch nicht sinnvoll
ist, alle Karten geheim zu halten, wurden und werden Karten
auf unterschiedliche Weise manipuliert.
Dazu werden relevante Karteninhalte gelöscht oder verfälscht,
das heißt, entweder bewusst falsch eingezeichnet oder es werden zur Tarnung falsche Bezeichnungen in die Karte aufgenommen.
So verschwinden zum Beispiel Militärflughäfen in unzugänglich
gekennzeichneten Naturschutzgebieten, und aus Atomkraftwerken
werden unauffällige Industrieanlagen.
Eine spezifische Form der Kartenverfälschung liegt in der
absichtlichen Verzerrung des Gitternetzes, um die Abnahme
richtiger geographischer Koordinaten von der Karte
zu verunmöglichen.
Die Verfälschung von Karten aus Gründen militärischer
Sicherheitserwägungen hat eine sehr lange Tradition und wird
allgemein als durchaus legitim angesehen, so wie auch die „Versorgung" des militärischen Gegners mit gefälschtem Kartenmaterial, um ihn zu verwirren oder zu falschen Schritten zu verleiten, als eine spezielle Art der Desinformation und somit als Erfolg nachrichtendienstlicher Tätigkeit gilt.
Auch zur Abwendung befürchteter, terroristischer Angriffe
auf Regierungsgebäude, militärische Einrichtungen sowie
strategisch wichtige Orte werden Karten verfälscht.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Problematik
der seit der frühen Neuzeit zu beobachtenden Geheimhaltung
und Kartenmanipulation natürlich längst auch im Bereich der
digitalen Geodäten und deren Bereitstellung auf
öffentlich zugänglichen Satellitenbildern und digitalen
Geodatenträgern wie zum Beispiel Google-Earth durch
Verfremdungen und sogenannte Verpixelungen Einzug gehalten hat.
Karten können aber auch Propagandainstrumente der Mächte
in Politik und Wirtschaft sein.
Staaten, Lobbygruppen, multinationale Konzerne und
internationale Organisationen bedienen sich dieses Mediums,
um den Kartennutzern ihre Weltsicht zu vermitteln,
um Macht aufzubauen bzw. zu festigen.
Den Kartographen stehen dazu zahlreiche Methoden zur Verfügung, eine liegt bereits in der Wahl der Kartenprojektion.
Die Projektion der sphärischen Erdoberfläche in die Ebene,
also auf ein Blatt Papier, lässt sich nicht ohne Verzerrungen
von Winkeln und/oder Flächen bewerkstelligen.
Seriöse Kartographen wählen immer die Projektion, die die
geringsten Missverständnisse bei der Karteninterpretation
hervorruft - durch bewusste Wahl einer bestimmten, eigentlich
unpassenden Projektion lassen sich demgegenüber aber auch ganz
gezielt Fehlinterpretationen in Bezug auf die Vergleichbarkeit
von Flächen oder Entfernungen bewerkstelligen.
So wurden die Karten in den westlichen Propaganda-Schriften in
der Zeit des kalten Krieges oft in der sogenannten Mercator-
Projektion gezeichnet. Diese gibt die nördlichen Flächen der
Erde stark vergrößert wieder - so wirkte die Sowjetunion,
mathematisch exakt gezeichnet, gegenüber Westeuropa übermächtig und besonders bedrohlich.
Oder ein anderes Beispiel für die Instrumentalisierung von
Karten als Propagandamittel: Immer wieder lässt sich
beobachten, dass strittige Grenzen oder Gebiete auf Karten als
gegeben, also unstrittig, dargestellt werden - oft jedoch in unterschiedlichen Varianten, je nachdem, wo und von wem die Karte hergestellt wurde.
Das bedeutet also, dass auch sogenannte amtliche Karten
ideologisch geprägte Darstellungen der geographischen Realität
sind, die weder als wertfrei noch als objektiv und auch nicht als wissenschaftlich gelten können.
Regierungen und die von ihnen abhängigen Verwaltungen
praktizieren Einflussnahme, Zensur und Kontrolle
in Bezug auf Karten aber nicht nur nach außen sondern auch
nach innen zur Durchsetzung bzw. Bekräftigung
gesellschaftlicher oder politischer ziele.
Und die Kartographen setzen dies um - zum Beispiel durch
Weglassung oder durch beschönigende Darstellung bestimmter
unbequemer Informationen bzw. Verbindungen und Beziehungen.
Kartographen „lügen" aber auch aus Eigennutz:
Um die unrechtmäßige Verbreitung ihrer Werke zu verhindern,
legen sie sogenannte „Copyright Traps" an.
So werden zum Beispiel in Stadtpläne fiktive Straßen
eingezeichnet, um im Fall des Falles das unrechtmäßige
Übernehmen kartographischer Basisarbeit durch kopierende
Konkurrenten nachweisen zu können.
Darüber hinaus gibt es noch eine weitere, bekannte Form der
Kartenverfälschung:
Ein britischer Militärkartograph, der 1903 mit der Kartierung
einer kleinen Insel in der Ägäis beauftragt worden war,
wählte in der richtigen Annahme, dass dies seinem
offenbar ungeliebten Vorgesetzten, Kapitän Corry,
nicht auffallen würde - absichtlich fiktive Bezeichnungen
für Berggipfel, die zusammen gesetzt und rückwärts gelesen,
den Satz ergeben: „may Corry be damned" und verewigte
auf diese weise seine Antipathie auf einer gedruckten,
amtlichen britischen Admiraliätskarte.
Der Kartograph Richard Ciacci aus Boulder zeichnete in die
Karte des US-Bundesstaates Colorado einen fiktiven Berg
namens "Mount Richard" ein, um sich damit ein persönliches
Andenken zu verschaffen. Es dauerte zwei Jahre, bis die Verfälschung entdeckt wurde.
Oder - in der 2007 publizierten 103. Auflage des unter dem
traditionsreichen Namen „Putzger" bekannten Historischen
Atlasses findet sich auf der Karte "Mitteleuropa im Zeitalter
der Reformation" südwestlich von Bleiburg in Kärnten
der Ort "Hobbingen". Diesen Ort gab es dort nie,
sehr wohl aber in J. R. R. Tolkiens Fantasy-Trilogie
"Der Herr der Ringe". So wie auch das, im erwähnten Atlas
an der Donau in Ungarn eingezeichnete "Bruchtal",
als „Versammlungsort der späteren Ringgemeinschaft"
Tolkiens Fantasie entstammt.
Diese Verfälschungen entsprechen einer langen Tradition
humorvoller Kartographen. Die fiktiven Orte wurden für folgende Auflagen aus den Druckvorlagen gelöscht, die Schuldigen ermittelt und hoffentlich nicht allzu hart bestraft.
Kartographische Darstellungen sind durch verschiedene Einflüsse und Filter bestimmte menschliche Produkte, die stark
von der Welt sieht des Kartographen bzw. der seiner Auftraggeber bestimmt sind.
Das bedeutet, die Karte ist ein Spiegel der Gesellschaft,
der politischen, sozialen, technischen und ökonomischen
Situation ihrer Entstehungszeit; sie beinhaltet
auch eine ideologische und/oder politische Dimension.
Kartographische Darstellungen sind aber auch Abbilder
subjektiven Schaffens. Durch die Wahl der Daten, Formen und
Farben, verleiht der Kartograph seinem Abbild der Realität
ein individuelles Gesicht; seine Gestaltungsfreiheit
bewegt sich dabei zwischen Kunst und Manipulation.
Kartographen können einige Striche gegenüber anderen verstärken • ein dicker roter Pfeil vermittelt nun einmal nicht die selbe Botschaft wie ein dünner blauer - unabhängig davon, wie beide in der Kartenlegende verbal erklärt sind.
Und die Kartographen können Flächen durch die ihnen
zugewiesenen Farben bestimmte Wertigkeiten verleihen,
und auf diese Weise zum Beispiel politische Aussagen treffen.
Ganz abgesehen davon, dass den sprachlichen Elementen einer
Karte, Toponymen und anderen Benennungen und Beschreibungen,
immense Bedeutung für die Kartenrezeption zukommt.
Wie ein Künstler, der in einem Werk die Realität abbilden
möchte, wertet der Kartograph nicht nur zahlreiche« Quellen aus sondern er verlässt sich auch auf seine umfassenden Kenntnisse und Erfahrungen.
Der Kartograph „weiß", wie seine Karte aussehen soll
und gestaltet diese entsprechend.
Ein letzter Aspekt: Karten enthalten natürlich auch Fehler,
die ihre Ursache in fehlerhaften Datengrundlagen, in Unwissenheit bzw. Unachtsamkeit des Kartenzeichners,
aber auch in versehentlichen Verfälschungen im
Produktionsprozess haben können.
Fehler von Kartographen können zum Beispiel darin bestehen,
dass auf einer Karte ein wichtiger Ort nicht eingezeichnet
wird; Mängel im Produktionsprozess können dazu führen, dass
durch schlecht abgestimmte Grautonrasterung *
in der Vorlage unterschiedlich gestaltete Flächen *
auf der gedruckten Karte nicht voneinander unterschieden
werden können.
Obwohl die Kartenherstellung also von zahlreichen Einflüssen,
bis hin zur Manipulation geprägt ist, die Karten nur scheinba:
die Wirklichkeit der Welt abbilden, wird ihnen jedoch
in der Regel von den Kartennutzern unwillkürlich Objektivität
zugebilligt.
Sie bieten aber auch nur Interpretationen der Wirklichkeit.
Und daher erlaube ich mir, in Abwandlung eines berühmten
Zitates, die abschließende Empfehlung:
Vertrauen Sie keiner Karte, die Sie nicht selbst manipuliert
haben.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
copyright by Mag Jan Mokre
Pressetext
Mit dieser Frage haben sich 207 KünstlerInnen auseinandergesetzt und in
den unterschiedlichsten Medien Antworten versucht. Viele Ansätze, aber
auch Beweggründe gibt es, sich ein Bild von der Welt zu machen.
Topographische, politische, historische, religiöse, psychologische, …
Selbst der rein geographische Versuch birgt in sich den Irrtum der ver-
wendeten Sprache und des metrischen Systems.
Es ist eine vielfältige Ausstellung, die letztendlich der Unmöglichkeit diese
Frage zu beantworten dadurch begegnet, aufzuzeigen worin diese wurzelt:
Im Umgang mit unserer eigenen Sehnsucht – begreifen zu wollen.